INDIENREISE 2005 .
. . Auszug aus dem Tagebuch von Stefan Schultz
. . .
15. JUNI 2005 AGRA - FATEHKIR SIKRI – MATHURA – VARINDAVAN
Erster Ausflug in eine Welt, die mit
Worten schwer zu beschreiben ist. Eigentlich müsste man die Eindrücke mit einer Filmkamera festhalten
um ein annäherndes Bild von dem Gesehenen zu erhalten. Wir werden
chauffiert und Devendar Singh, kurz Dev genannt und er macht seinen Job
hervorragend. Er ist 25 Jahre alt und kommt aus dem Norden Indiens. Mit
seinem offenem hübschen Gesicht und seiner freundlichen Art ist
er uns sehr angenehm und wenn er kichert taugt sein Lächeln mit
den blendend weißen Zähnen allemal für eine Zahnpastawerbung.
Noch fährt er für den gewieften und wohlhabenden Sajjan Singh,
der in unserem Hotel in der Eingangshalle sitzt und als Complete Travel
Planner den Neuankömmlingen Touren vermittelt. Immer devot
freundlich, groß gewachsen, schwarzes Haar, dunkle Haut und Goldrandbrille
sitzt er vor seinem Computer auf dem allezeit Bilder von Japan zu sehen
sind.
Stolz zeigt er sich im Kimono. Neben ihm seine japanische Frau.
Für indische Männer sei das kein Problem und seine indische
Frau mit der er mehrere Kinder hat muss damit einverstanden sein. Er
spricht und schreibt japanisch und selbst die Japaner sind verblüfft über
seine akzentfreie Ausdrucksweise. Er ist voll im Geschäft und wenn
er von all den Jobs erzählt die er schon hinter sich hat, muss er
ein Kenner der Materie sein. Er strebt nach höherem und schwärmt
von Geschäftserweiterung und Zweigstellen in Europa. Wenn wir mit
einer Sache nicht zufrieden waren, dann reagiert er japanisch. Er lächelt
ganz unverbindlich und sagt, „it is a pleasure for me to help you
and to make a nice business“. Und um die Höflichkeit auf
die Spitze zu treiben, fügt er noch geschmeidig hinzu „next
time you will live in my house with my family“. Wir sollen uns
geschmeichelt fühlen und wieder bei ihm buchen. Dev will im Laufe
der Zeit seine eigene Firma gründen und rät uns falls wir nach
unserer Reise in den Norden Indiens wieder nach Delhi kommen und noch
nach Rajasthan wollen, nicht mehr im selben Hotel abzusteigen,
damit wir uns direkt an ihn wenden können ohne seinen Boss einschalten
zu müssen, der einem als Neuankömmling ganz gut zu schröpfen
weiß. Dev macht viele geführte Touren in das Maharadschaland
und wir würden uns ihm ohne Zögern anvertrauen.
Zurück zu unserem Ausflug nach Agra.
Jeder westliche Autofahrer würde wahrscheinlich nach kurzer Zeit
schweißgebadet und entnervt aufgeben, aber Dev manövriert
uns mit großer Übersicht, Vorausschau und Gelassenheit durch
den dichten Verkehr. Es ist ein funktionierendes Chaos aus Linksverkehr,
viel Gehupe und Handzeichen aus dem offenen Fenster und auch auf engstem
Raum kommen wir zügig voran. Alle passen sich dem Fluss eines überbordenden
Verkehrs von Moment zu Moment an und ich bin mir fast sicher, dass die
Unfallquote in Europa trotz einem wohldurchdachtem Regelsystem höher
ist als hier.
Delhi nimmt kein Ende. Eine Szenerie die sekündlich wechselt. Kein
Auge ist fähig so viele
Eindrücke speichernd auf die Netzhaut au brennen. Alles liegt offen
zu Tage. Nichts verkommt, nichts bleibt ungenutzt. Alles stapelt sich
nach Material und Verwendbarkeit. Dazwischen die Menschen. Nur wenige
scheinen untätig zu sein. Alles an Schmutz und für den Westler
so fremdartige Gewühle und Geschäftigsein, dieses Konglomerat
an exotischen
Lebensäußerungen schließt sich zu einem Kreis aufeinander
eingespielter Handlungs- und Lebensweisen. Jeder hat seinen angestammten
Platz im Regelwerk des indischen Alltags. Keiner scheint sich an irgendetwas
zu stören. Alles fügt sich zu einem großen Puzzlespiel
aus hunderttausenden von Teilen.
Als wir durch kleinere Städte und Dörfer fahren immer das gleiche
lebendige Treiben.
Alle sind unterwegs zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Rikscha, dem Karren,
dem Auto, dem Traktor oder sonstigem erfinderisch zurechtgebasteltem
Fuhrwerk. Material wird bewegt, der Esel zieht, das Kamel ist beladen,
der Bauer und Kuli gebückt unter schweren Lasten, die Frauen aufrecht
mit Wassergefäßen auf dem Kopf und Menschentrauben dicht gedrängt
auf Ladeflächen. Einzelwesen scheinen nicht zu existieren. Die Menschen
haben miteinander zu tun. Wenn sie keiner Tätigkeit nachgehen, stehen
oder sitzen sie beisammen, schwatzen, lachen oder besprechen sich. Nichts
wirkt fehl am Platz. Es ist ein gigantischer Organismus aus Vielfalt
und Miteinander. Ich meine zu träumen, es übersteigt bei weitem,
dass was ich mir vorgestellt hatte und ich wäre nicht überrascht,
wenn ich plötzlich aus diesen Traum aufwachen würde und in
meiner überschaubaren Welt in Lanzarote im Bett wieder zu finden.
Würde mich Dev unser Fahrer irgendwo inmitten dieses Treibens aussetzen,
wäre ich wahrscheinlich erstmal verloren wie auf einem fremden Planeten.
Wenn ich im Vergleich zu Indien die westliche Lebensart betrachte, scheint
mir der indische Lebensstil nicht ungesund oder unnatürlich zu sein.
Er sprengt die gewohnte Dimension des oft individualistischen Einzelgängerdaseins
und Selbstverwirklichugsdranges in den reichen Ländern mit
all ihren Zivilisationskrankheiten und Psychosen.
Nun zu Malik unserem Führer beim Taj Mahal. Beflissen freundlich,
etwas bestimmend und gerne versichernd, dass ihm unser Wohlbefinden am
wichtigsten sei, liegt mir der Bursche nicht. Ich hasse geführte
Schnelldurchgänge von Sehenswürdigkeiten mit endlosen
Geschichten und Erklärungen, die ich zum Grossteil selbst in Büchern
nachlesen kann. Es lenkt mich zu sehr vom Beobachten ab. Die Atmosphäre
eines Platzes lässt sich schwer erspüren, wenn der Guide soviel
Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt. Gesalzen ist der Eintritt
für indische Verhältnisse und das Bauwerk zeigt sich einem
so, wie man es von Abbildungen her kennt. Man tritt durch ein gewaltiges
Tor aus rotem Stein und blickt über die lange Flucht eines leeren
Wasserbeckens auf das imposante Grabmal aus weißem Marmor. Die
Liebe lässt manche Menschen enormes vollbringen und als dem Herrscher
seine über alles geschätzte und verehrte Gattin frühzeitig
dahingeschieden war, wollte er ihr ein bisschen Unsterblichkeit schenken
und ließ dieses Schmuckstück indomuselmanischer Baukunst errichten.
Weißer Marmor, Intarsien aus Edelsteinen und wertvollsten Mineralien,
der ganze Koran ist in den Wänden verewigt. Die Wasserspiele leider
versiegt. Schön der Blick hinab auf den Yamunafluss mit Wasserbüffeln.
Malik lässt den Mann mit den Schuhüberziehern verdienen. Auch
der Mann mit der Taschenlampe der den Marmor leuchten lässt bekommt
ein paar Rupien, natürlich von uns. Dann besuchen wir eine Intarsienwerkstatt
und auch hier scheint unser aufdringlicher Führer eigene Interessen
zu verfolgen. Unter einem Vordach sitzen die Handwerker in der Hocke
und bearbeiten mit einer fussbetriebenen Schleifmaschine, die für
die Einlegearbeiten ausgewählten Steine. Der Verkaufsleiter in den
reichlich ausgestatteten Innenräumen ist sehr engagiert. Ein Genie
in seinem Fach. Bestes Englisch, genaueste Erklärungen zu seinen
im Laden ausgestellten Kunstwerken. Immer den richtigen Satz auf den
Lippen, immer freundlich, nicht zu aufdringlich, aber auch nicht locker
lassen, das ist seine geschickte Strategie. Meisterhaft die Marmorplatten
mit den eingelegten Schmucksteinmotiven aus Lapislazuli, Onyx, Muschelplatt,
Perlmut, Türkisen, und Koralle. Das bekommt man nur in Agra. Wir
liefern in alle Welt und erst gestern hat ein deutsches Pärchen
groß eingekauft. Wir trinken Coca Cola und Wasser und kaufen schlussendlich
für 800,-- Rupien ein.
Auf zum Carpent maker, Malik scheut vor nichts zurück. Auch hier
empfängt man uns freundlich und lässt uns viel Aufmerksamkeit
angedeihen. Wir schauen dem Teppichknüpfer über die Schulter.
Erst legt man uns die großen Werke vor die Füße und
als wir verneinen werden sie kleiner. Man demonstriert das geringe Gewicht
und Packmaß. Wir bleiben resistent. Als der gute Verkäufer
nicht locker lassen will, gehe ich einfach und auch Kleines in Form von
Tüchern und Schals interessiert mich nicht mehr.
Hut ab, die Sellsmakers verstehen ihr Handwerk.
Malik will uns nun zu sich einladen. Moneychance und Souvenirs. Genug
geführt und verführt für heute. Wir verabschieden den
etwas perplexen Agraianer und Dev fährt uns zum
„FATEHPUR SIKIIR“.
In Eigenregie erkunden wir jetzt das weitläufige Gelände dieser
Palastanlage aus dem 16. Jahrhundert mit seiner Moschee und dem Marmormausoleum.
Die Sonne brennt unerbittlich vom nachmittäglichen Himmel und der
Versuche uns zu führen oder irgendein Souvenir zu verkaufen,
erwehren wir uns gut. Die Sandsteinplatten brennen unter den Fußsohlen.
Wir sind schon knapp in Rajasthan und man sieht es an den Turbanen
der hochgewachsenen Männer die einen Schnurbart tragen, und an den
Lastenkamelen die unseren Weg kreuzen.
Die Palastanlage ist eine Geisterstadt
aus rotem Sandstein. Die ausgedehnten Höfe sind mit verschiedenfarbigen
Steinplatten in schönen Mustern gelegt. Durch Bogengänge tritt
man in die um die Plätze herum angelegten Gebäude, durch die
man schmale Wasserkanäle geführt hat Wir rätseln über
den Zweck von Ringen und Löchern im Mauerwerk. Freistehende Pavillons nach
allen Seiten hin offen sind von Wasserkanälen umgeben und wir stellen
uns vor, wie diese architektonischen Schmuckstücke mit ihrer reichhaltigen
Ornamentik durch Luftzug und Wasserkühlung ein angenehmes Raumklima
hatten. Es ist leicht sich auszumalen, welch eine zauberhafte
Atmosphäre hier herrschte, als all die Kanäle und Becken mit
Wasser gefüllt waren und die Anlage von bunt gewandeten Menschen,
Düften und Musik belebt war. So manche Geschichte aus 1000 und einer
Nacht muss hier gespielt haben.
Der Blick reicht hinaus in eine weite
Ebene in der vereinzelt Hütten und Bäume stehen. Die Landschaft
ist in ein diesig grelles Licht getaucht. Die Luft ist geschwängert
mit feinsten Sandpartikeln die aus der Wüste im Westen herangetragen
werden. Im Innenhof der Moschee, den wir auf ausgerollten Sisalläufern
begehen, steht das Mausoleum eines Heiligen. Filigranes Gitterwerk in
Marmor erlaubt uns geheimnisvolle Durchblicke. Kein Lochwerk gleicht
dem anderen und wir bewundern das gestalterische Können der muslimischen
Steinmetze. Auf den Stufen wird die Trommel geschlagen und dazu gesungen.
Im Schatten des die Moschee begrenzenden Rundganges liegen und sitzen
die Besucher geschützt vor der heißen Mittagssonne und bilden
kontrastreiche Farbtupfer in dem vom Zahn der Zeit angegrautem Gebäude.
Ruinenhafte Gewölbedecken und ein gewaltiges Eingangstor
bezeugen in ihren Ausmaßen, dass wir uns in der höchsten Moschee
Indiens befinden.
Es geht weiter nach MATHURA.
Das Straßenbild nimmt mich nach wie vor gefangen. Es betäubt
einem die Sinne. Nahe am Ziel lenkt Dev den Wagen durch die engen Gassen
auf einen noch engeren Parkplatz und entlässt uns in die Menge.
Zwei Ecken weiter werde ich am Eingang zum Krishnatempel gefilzt und
abgetastet und die fröhlichen Hindus schauen belustigt zu. Schnell
ist man in ein Frage- und Antwortspiel mit neugierigen jungen Menschen
verwickelt. Wir steigen viele Treppen hinauf und in einer Atmosphäre
heiterer Andacht betreten wir am Geburtsort Krishnas den Shri Krishna
Jammabhumi Mandir-Tempel. Bunt, naiv und kindlich wirken die Darstellungen
der verehrungswürdigen Götter und Göttinnen oder geistigen
Führer des Hinduismus. Rundum kann jeder Besucher seiner Lieblingsgottheit
huldigen. Die Decke ist bemalt mit Szenerien aus dem Leben Krishnas.
Man singt und betet und klatscht dazu in die Hände. Nichts sieht
nach bigotter Gläubigkeit aus, eher wirkt das Ganze familiär.
Ein netter Hindu erklärt mir strahlend die Götterbilder und
Anneliese geht schon vor. Vielleicht denkt sie, „Schon wieder hängt
er an der Angel eines Schleppers“.
Wir verlassen diese Pilgerstätte, die eine der sieben heiligsten
der Hindus ist in Richtung
VARINDAVAN wo der mythologische Krischna am Fluss Yamuna den Hirtenmädchen
(Gopis) die Kleider stahl und sich mit ihnen beim Tanz- und Liebesspiel
vergnügte. Im Dunkeln halten wir vor den Toren des wichtigsten Tempels
der Hare Krischnabewegung. Barfuss mit Kränzen aus wohlriechenden
Rosenblättern um den Hals treten wir ein. Uns umfängt ein quirliges
Treiben von Pilgern, die sich vor den Götterdarstellungen drängeln
und ihre Kränze einem Jünger darreichen. Die gesegneten Blumengebinde
werden zurückgegeben und die Rosenblätter verstreuen sich auf
dem Boden. Die Krischnajünger mit ihrem kleinen Haarzopf auf kahl
geschorenem Schädel verrichten irgendwelche Ämter. Safranfarben
gewandet dienen sie ihrem Glauben, werfen sich nieder und umrunden
die Götterschreine. Lautsprecher verstärken den rhythmischen
Gesang. Getanzt wird nur zögerlich. Einige Jünger aus dem Westen
fallen mir auf und eine junge Yugoslawin erzählt von ihrer Herzensentscheidung
beim Eintritt in die Gemeinschaft. So strahlend sieht sie aus in ihrem
indischem Sari und sie erinnert mich an eine Mariendarstellung. Der Heftchen-
und Buchverkauf läuft auf Hochtouren.
Der Gründer der Hare
Krischna Bewegung Bhaktiwedanta Swami Prabhupada, der als vergoldetes übergroßes
Prachtexemplar in einem Nebentempel sitzt, verlangte von seiner
Gefolgschaft vollkommene Hingabe an Krischna, der für ihn die höchste
Persönlichkeit Gottes war. Die Seele soll sich durch ein Leben
in Abstinenz und Liebe dem Krischna Bewusstsein öffnen. Kein Fleisch,
keine Eier, Alkohol, Tee, Kaffee und andere Drogen sind verboten, Sexualität
ist nur in der Ehe und zur Fortpflanzung erlaubt. Durch eine offene Tür
im Nebengebäude fällt mir ein gutaussehender Westler der Bewegung
auf. Ernst sitzt er hinter einem Computer, denn die Religion will sicherlich
auch gut verwaltet sein. Die exoterische Religion bedarf des Geldes.
Der ganze Buden- und Götterzauber, all der Glanz für die Bedürfnisse
des einfachen Volkes muss auch bezahlt werden. Die Besucher spenden fleißig
und ich frage mich, ob es wohl auch einen lachenden Materialisten im
Hintergrund gibt, der statt Krischna dem Mammon huldigt. Sei’s
drum. Hier sieht man gelebte Religiosität.
Sie gehört zum Alltag.
Es herrscht keine Ausschließlichkeit, sondern eine nicht zu durchschauende
Vielheit an anbetungswürdigen Gottheiten. Erschrocken und angewidert
waren die ersten Christenmenschen, als sie nach Indien kamen und hielten
dem äußeren Augenschein folgend, die Hindus mit ihrer Vielzahl
an Kreaturen die sie anbeten für Götzendiener. Abscheulich
und abstoßend. Erst den wirklich Forschenden
Öffneten sich die Augen und sie erkannten, das sich das göttliche
im Hinduismus in vielen Namen und Gestalten manifestiert und die Vielzahl aus
einer transzendenten Einheit hervorgeht. Polytheismus und Monotheismus widersprechen
sich hier nicht.
Drei Stunden später um 23.00 Uhr liefert uns Dev wohlbehalten im
Hotel ab. Ich trinke noch einen Whisky mit ihm in seiner Schlafkoje in
einer stockfinsteren Seitengasse. Als Geste wird vor dem ersten Schluck
ein Fingerhut voll an die Wand gegossen. Für die Götter.
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